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Die Gagstanze

Jeden Monat stanzen Kudernatsch & Co hier etwas Neues für euch zurecht. Diesmal heißt es:

Die Pupse von Oli P.

oder wie ich fast filmreif wurde

- Ein Drehbericht -

Das Böse zieht Dir an den Ohren ...
„Die Hollies“ sind Außerirdische, die auf die Erde geplumpst sind und schleunigst wieder heimwollen. Kinder helfen ihnen, und miese Geschäftemacher wollen das verhindern. Jetzt läuft dieser Kinderfilm als Dreiteiler und Komplettwerk im KIKA (mehr). Was kaum einer weiß: In Teil 3 spielt Kudernatsch kurz mit! Im Juni wurde gedreht – ein halbes Jahr danach packt der Komparse aus.

Es war heiß, es war Sommer, und ich hatte eine erste Filmrolle in der Tasche, in der sonst nichts steckte. Noch wusste ich nicht genau, was für ein Film das war, aber es war ein Kinderfilm mit Außerirdischen und E.T. und Kinder fand ich grundsätzlich nicht schlecht.
Das war sicher anders, wenn mir beide zu nah kamen, aber absolut professionell fuhr ich zu einem Altersheim in der Nähe von Weimar. Hier wurde gedreht. Die Alten waren in einen kleinen Seitenflügel gesperrt worden, um nicht zu stören. Ab und zu kippten ihre Betreuer Essen und Tee für sie durch die Fenster.

Der große Hof in der Sonne gehörte uns. 8 Uhr waren ungefähr 12 Komparsen da, überwiegend Rentner voller Tatendrang. Sie sollten wohl im Film all die Alten ersetzen, die man nicht mitspielen ließ. Zur Not mussten die Darsteller dann eben im Hintergrund mehrmals durchs Bild laufen, dass es nach vollem Heim aussah. Sie kannten sich aus – sie hatten das schon mehrmals gemacht, wie sie stolz berichteten. Ein Veteran, der schon 17 Einsätze hinter sich hatte, führte sogar zwei verschiedene Trachtenanzüge mit, beide grün, und zog sich stündlich hinter einem Busch um.

11 Uhr sprach uns jemand an. „Hallo!“ – Es war eine Gehilfin, die alle Komparsen auf ihrer Liste abhakte und wieder verschwand. Sie kam aber stets rechzeitig wieder, um ein paar Darsteller-Omas aus dem nahen Park, in dem es noch kühl war, zurückzutreiben. Es konnte ja jeden Moment losgehen. Keiner durfte den Hof verlassen, und die ganze Zeit saßen wir da in der Knallsonne. Schatten gab es irgendwo versteckt nur für die richtigen Schauspieler und im Gebäude drin, dass aber nur vom Team und den Altenpflegern betreten und von den ursprünglichen Insassen momentan in einem Saal sehr konzentriert bewohnt werden durfte.

Die richtigen Schauspieler hatten wir noch gar nicht gesehen, weil hoch oben auf einem Dach eingerichtet und gedreht wurde. Klar passte das gut zu Außerirdischen – was sollen die im Keller? Irgendwann bläkte ein verrückter alter Mann was von Oben runter, aber das gehörte schon zum Film. Da war es bereits 12.

Der Alte hatte so ein Ding in der Hand, dass ihm fast runterfiel. Ein Komparse wusste, dass das der Außerirdische sein sollte, um den es ging. Von dem Ding gab es noch drei andere – und gemeinsam hießen sie „Hollies“. Das bei uns war zirka 20 Zentimeter groß und sah wie windschiefes Atommodell aus Spucknäpfen aus. Aber später wurde es am Computer noch verbessert, dass es doch toll wirkte für Kinder.

... und die Guten gucken zu.
All dies wusste der Komparse, der neben mir saß. Der hatte schon in einigen Filmen mitgespielt. Sogar in einem mit Oli P., der in der Kneipe „FAM“ in Erfurt gedreht wurde. Der Komparse, den ich hier namentlich nicht nennen möchte, um ihn zu schützen, berichtete, Oli P. hätte da immer sehr heftig und laut herumgepupt und noch darüber gelacht. Noch heute riecht es komisch im „FAM“, wenn man das weiß. Kein Komparse beschwerte sich, auch die richtigen Schauspieler hielten dicht – und jetzt ist der Film im Kino. Er heißt „Motown“, aber wenn man diese Geschichte mit Oli P.’s speziellen Pupsbomben kennt, wäre auch „Molotow“ ein passender Name gewesen. Und sowieso konnte ich mir jetzt denken, wofür das P. von Oli P. stand.

So plauderten wir bis zum Mittagessen. Das gab es auf einer Wiese nebenan, die wir aber nicht betreten durften, solange die richtigen Schauspieler und der Regisseur dort speisten. Wir konnten sie nicht sehen, weil die Entfernung so groß war. Immerhin bekamen wir um 14 Uhr ihre Essensreste – es gab Spätzle und Wiener Würstchen.

Dann mussten wir plötzlich mitten im Essen alles stehen und liegen lassen und uns verkleiden. Es ging los. Die Oma schnatterten wild, der Veteran mit den Trachtenanzügen verhedderte sich und wurde daraufhin aus der bevorstehenden Szene gestrichen. Aus mir und dem Oli.-P-geschädigten Mitkomparsen wurden Krankenpfleger, ich durfte wenigstens meine Turnschuhe anbehalten.

Ein Mann mit Sonnenbrille um die Ecken rechts und links rief – es war der Regisseur, und nun wurde es Ernst. Für sechs Omas und mich. Um kurz nach 15 Uhr waren unsere Schauspielkünste endlich gefragt. Meine Aufgabe bestand darin, mit einer Horde Omas über das Dach oben zu rennen und mit dem Guten (dem Opa mit dem Ding, das jetzt weg war) den Bösen zu fangen. Spontan hatte der Regisseur die Idee, dass doch eine der Omas den Bösen mit ihrem Stock niederschlagen und ich ihn auffangen könnte. Leider verstand ich das nicht gleich, so dass der Böse zwei-, dreimal hart aufschlug. Es knackte in ihm drin, und dann guckte er richtig böse. Sicherlich ein Gewinn für den Film! Wieder wiederholten die Szene noch ein paar Mal. Dann war es schon 17 Uhr, und für die richtigen Schauspieler gab es eine Pause mit Stieleis. Wir Komparsen durften das weggeworfene Papier ablecken und auf den Holzstielen herumbeißen.

Um 18 Uhr liefen wir alle – Komparsen und richtige Schauspieler vereint – mehrmals im Hof in verschiedener Reihenfolge an der Kamera vorbei, auch mein von Oli P. verseuchter Komparsenkollege durfte agieren und hinter einer richtigen Schauspielerin hergehen. Der Veteran im Trachtenanzug wurde neben einem Strauch postiert. Schnell war alles im Kasten, der Regisseur klatschte, und Oli P.’s Gegenpart, der Veteran und die anderen Rentner, die man gar nicht mehr gebraucht hatte, durften heimfahren.

Nur die sechs Omas und ich nicht. Wir hatten noch den Bösen, der mich finster anguckte, in einen Fahrstuhl zu schubsen. Aber das wurde später nicht genommen. Denn eigentlich sollten wir ihn rausziehen aus dem Ding.

20 Uhr war Drehschluss. Die echten Alten wurden freigelassen, die falschen verkrümelten sich schnell, um nicht versehentlich eingemeindet zu werden. Schweinwerfer und Gerüste wurden aus dem Haus getragen.

Es war immer noch heiß, ich hatte mir in der Sonne die Birne verbrannt, ich hatte Hunger, mir war schlecht, und ich fürchtete mich vor dem Bösen, der jetzt auch frei hatte und vielleicht eine persönliche Auswertung anstrebte, weil ich ihn nicht gefangen hatte. Der Tag war im Eimer.

Künftig wollte ich so was besser sein lassen, versprach ich mir – und auch dem Bösen in Abwesenheit, als ich im Auto davonfuhr. Ich war noch immer nicht filmreif. Vielleicht wurde es besser, wenn ich demnächst ins „FAM“ ging und einen auf Oli P. machte.

„Die Hollies“ laufen als Dreiteiler ab dem 16. Dezember 2003 im KIKA. Kudernatschs Szenen seht Ihr in Teil 3 am Donnerstag, den 18. Dezember 2003, um 17 Uhr, und im letzten Drittel des Komplettfilms am Sonntag, 28. Dezember 2003, um 19.25 Uhr – ebenfalls im KIKA (mehr).

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