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Die Kolumne

Jeden Monat stanzen Kudernatsch & Co hier etwas Neues für euch zurecht. Diesmal heißt es:


Wenn die Mutti ein Machtwort spricht

Mutti

Ich glaube, meine Mutti braucht eine Brille. Sie hat mich neulich in Erfurt besucht und immerzu von „Apolda-Optik“ erzählt. Dann waren wir auf einem Mittelaltermarkt, wo zwei Musikanten emsig das Volk unterhielten und der Mann am Dudelsack diese Emsigkeit durch scheppernde Schellen an den Füßen unterstrich. Das wiederum entlockte meiner Mutti den Ausruf: „Schau mal, was der für Glocken hat!“ – just in dem Moment, als die beiden mittelalterlichen Herren eine Pause einlegten. So schallte Muttis Ruf über den Wenigemarkt, und nicht wenige auf dem Markt drehten sich um nach der vermeintlich juckigen älteren Dame.

Aber sie hat gar keine Skrupel, sie wurde nicht mal rot. Dafür ich, so dass sie gleich wissen wollte, ob ich Fieber hätte.

„Jenachhause, Junge! Ich komm auch mit“, legte die Mutti fest. Fehlte nur noch, dass sie mich ins Bett steckte und ich wie früher Märchenschallplatten hören musste – bis ich es nicht mehr aushielt, wie „Hänsel und Gretel“ knisterten und sprangen, und umgehend freiwillig gesund wurde. Allein die Erinnerung genügte – schon war mein Kopf nicht mehr rot. Doch die Mutti wollte heim.

Wir liefen wacker durch die Stadt. Ich bugsierte die Mutti um all die Unterbuchsen, Kunststoff-Tischdecken, Schnickschnack, Töpfe und Klamottenläden drum herum, um sie nicht in Versuchung zu führen, irgendetwas von diesem Gerümpel mir angedeihen zu lassen. Denn nur zu großzügig kaufte sie Stockhässliches ein, um mir – und dem Stock wahrscheinlich auch – eine Freude zu machen. Und man musste sich immer freuen – es war ja die liebe Mutti, die da Gutes verrichten wollte.

Um das zu vermeiden, nutzten wir also dank meiner Führung finstere Seitengassen, Schlupfwinkel, Abkürzungen und Trampelpfade – nur über Zäune mussten wir nicht springen. Die gewählte Route war so überzeugend, dass die Mutti feststellte: „Erfurt ist wirklich nicht schön. Weimar ausgerechnet hier langgehen.“ Das sah sie sogar ohne Brille. Hut ab!

„Hörst Du mir überhaupt zu? Du musst mal die Lauscha aufspannen!“, schimpfte die Mutti und kam näher. Sie strich mir immer den Kopf. „Mensch, obenrum wirste aber auch immer Kahla, Junge!“ - „Mutti!“ – „Und, sag mal, mir tun die Füße weh. Sömmerbaldda?“ - „Sömmer, Mutti!“ 

Ja, das könnt Ihr glauben: Genauso redet meine Mutti, seitdem sie sich in Thüringen stadt-ionär behandeln ließ.


(Kudernatschs Kolumne. Aus: Blitz! Das Stadtmagazin für Erfurt, Jena und Weimar. Nr. 1/2009)

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