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Die Gagstanze

Jeden Monat stanzen Kudernatsch & Co hier etwas Neues für euch zurecht. Diesmal heißt es:

Nett aus dem KZ

„Ich hab’ Hunger, mir ist kalt, ich will zurück nach Buchenwald“, so könnte die Stoffpuppe Pippig singen, wenn man sie haut.

Das wäre doch ein prima Souvenir aus dem KZ Buchenwald! Im April steht der 60. Jahrestag seiner Befreiung an. Schon seit langem werden extra dafür Andenken ausgedacht von ungeduschten Bauhausstudenten mit Müsli im Bart und Dotterresten am Halswickel. Gedenkstätte und Förderverein haben es so gewollt, denn Touristen sollen Souvenirs kaufen. So etwas nennen die Erfinder Wirtschaftsfaktor, und erreicht wird folgendes: Die Gedenkstätte hätte mehr Geld und die Besucher weniger, dafür aber mehr Zeug, das sie gar nicht brauchen und verschenken oder vergessen.

Das muss man sich mal vorstellen: Mitbringsel aus dem KZ. Woran hatten die Damen und Herren denn gedacht? An Gewissen in Tüten sicherlich nicht. Wohl eher an Freundschaftsbänder mit der Inschrift „Jedem das Seine“, Feuerzeuge oder ein KZ-Monopoly mit Gaskammer statt Gefängnis. Ein Memory-Spiel mit Fotos von Lagerhäftlingen wurde tatsächlich im Designkurs der Bauhaus-Uni entwickelt. Nach einer Ausstellung zog man es schüchtern zurück. Stattdessen gibt es Tütchen mit Buchensamen aus Buchenwald. Aber ein KZ ist doch keine Baumschule, und nicht jeder Tourist ist ein Gärtner. Tonaufnahmen sind da pflegeleichter. Warum soll im Schni-Schna-Schnappi-Wahn nicht demnächst eine Maxi-CD mit dem Remix „Stacheldrahtzaun“ folgen?

Wer mit dem Gedenken ein Geschäft macht, macht bald aus Massengräbern Parkplätze. Die Skrupel bleiben heute mal zuhause. Also her mit dem Museumsshop der Zukunft, der neben Souvenirs auch Events anbietet. Das wäre nur der konsequente nächste Schritt: Wer den Laden betritt, darf sich an der Tür kurz an die Wand stellen und wird vermessen. Man kann eine KZ-Übernachtung buchen, natürlich ohne Frühstück. Man übt wieder marschieren.

Damit noch mehr Touristen angelockt werden, sollten Gedenkstätte und Förderverein doch gleich im Ilm-Park ein zweites KZ aufstellen – direkt vor Goethes Gartenhäuschen, das einst selbst kopiert wurde. Ein Prinzip, das sich bewährt hat. Da darf man nicht kleinlich sein und muss alle Fördermittel ausschöpfen.

Das Ergebnis könnte ein echter Themenpark sein. Kein Disneyland, sondern ein Naziland! Ein Goldbrunnen, ein Publikumsmagnet für Landtagsabgeordnete aus Sachsen und dazu jede Menge Arbeitsplätze – kurz: ein echter Wirtschaftsfaktor. Von Weimar würde bald keiner mehr etwas wissen wollen, alle würden nur noch Buchenwald kennen. Es wäre also wie früher, nur umgekehrt.

(Kudernatschs Kolumne. Aus: Blitz! Das Stadtmagazin für Erfurt, Jena und Weimar. Ausgabe 02/2005)

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