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Die Kolumne

Jeden Monat stanzen Kudernatsch & Co hier etwas Neues für euch zurecht. Diesmal heißt es:

Erfurt hat noch mehr Nichts

Erfurt
Viele Leute beschäftigt, was Erfurt hat – und was nicht. Einige haben mir sogar geschrieben. Dafür besten Dank – und nun los!

Denn Stefan S. muss umgehend gewarnt werden. Ihm „stößt diese Kolumne immer auf“, wie er in seiner Mail beklagt. Man soll die doch nicht essen! Bitte nur lesen. Dann hört auch das Sodbrennen auf. Gute Besserung! Maria R. hat sich viel Arbeit gemacht – und ihre Anmerkungen in gleich über zehn Unterpunkte gegliedert. Vermutlich ist Maria an der Uni Erfurt, wo man so etwas lernt – und ich wünsche ihr von Herzen, dass sie ihr Studium dort beendet, bevor die Uni geschlossen wird.

Erfurt hat also nichts – und hat sogar noch mehr davon (oder weniger, weil es ja um nichts geht), als man denkt. Erfurt hat zum Beispiel wirklich keine richtige Messe – ich wiederhole das, weil das einige bezweifeln. Dort, wo Messe dran steht, galoppieren wahlweise Pferde oder Erotikstars durch die Wochenenden – zwischendrin kochen die Jüngsten zum Erdgaspokal der Schülerköche – und beim REAL gegenüber ist immer deutlich mehr los.
Erfurt ist auch nicht München, obwohl extra ein Oktoberfest auf den Domplatz gestanzt wurde. Pech für die Gäste aus Apolda oder Artern, die dort zu viel tranken oder ungeschickt fielen! Denn Erfurt hat keine funktionierende medizinische Grundversorgung. Wenn man hier zum Facharzt überwiesen wird, erhält man erst in drei Monaten einen Termin. Und wenn man dann, sagen wir, zur Darmspiegelung darf und einen Schlauch hinterrücks reingeschoben kriegt, weiß man gar nicht mehr, warum. Oder es ist einem egal, weil man schon tot ist.

Aber kehren wir zum Domplatz zurück. Erfurt hat kein Restaurant „Hohe Lilie“ mehr. Dort residiert nun ein Italiener – den Namen sage ich nicht, sonst kommt die Mafia und haut mich. Aber in Erfurt gibt’s gar keine Mafia, dafür alle hundert Meter ein italienisches Restaurant. Das ist eine Art Aufbauhilfe aus Italien, weil die Thüringer nicht immer nur Wurst essen sollen. Und wenn mal wieder eins dieser italienischen Lokale ausbrennt, war es natürlich ein Kurzschluss in der Mikrowelle. So, und damit ist jetzt etwas Positives vermerkt – etwas, was Erfurt hat. Ich will ja nicht nur meckern.

Aber kommen wir zur Kultur: Erfurt hat kein echtes Literaturfestival. Denn bevor überhaupt das Programm dazu erscheint, sind Jahr für Jahr alle relevanten Lesungen schon ausverkauft. Da muss mehr Disziplin rein. Mehr Druck! Und Druckerzeugnisse! Doch wer soll sich kümmern? Erfurt hat auch keinen Napoleon. Obwohl zum Fürstenkongress wie irre in die Luft geböllert wurde, ist Napoleon nicht zurückgekommen. Dabei war er doch vor 200 Jahren hier, was man nun feiern musste. Was er damals eigentlich in Thüringen zu suchen hatte, blieb beim Feiern ungeklärt. Aber ich meine: Nichts! Militaristen dürfen trotzdem feiern und alles nachspielen – im Jahr 2139 wären es übrigens 200 Jahre Überfall auf den Sender Gleiwitz.

Doch das führt zu weit. Es geht ja um das Jetzt und Heute und um das Nichts. Falls Euch jemand nach Erfurt fragt und Ihr habt ihn nicht so richtig verstanden, und er hakt nach, könnt Ihr immer antworten: „Es ist nichts!“ Damit liegt Ihr garantiert nie daneben!

(Kudernatschs Kolumne. Aus: Blitz! Das Stadtmagazin für Erfurt, Jena und Weimar. Nr. 10/2008)

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