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Die Gagstanze

- Überwachungsstadt -

Erfurts Müllmänner haben Digitalkameras in der Latzhose

In Thüringens Landeshauptstadt wird der Schutzmann bald durch den Schmutzmann ersetzt. Andi Leuthe enthüllt die Wahrheit hinter all dem Müll.

Erfurt – auch nur eine Stadt in der
Wegwerfgesellschaft
Neulich hing bei uns im Hausflur ein Brief der Stadtverwaltung, die sich sehr ärgerte. Unsere Mülltonnen vor dem Haus gefielen ihr nicht. Und darum schrieb sie: „Im konkreten Fall wurden 2 Abfallsäcke, die nicht von der Stadt für die Abfallentsorgung zugelassen sind, zur Abholung bereitgestellt, und die Gefäße waren stark überfüllt, so dass sich die Deckel nicht mehr schließen ließen.“

Auf die Idee, dass die Gefäße zu spät geleert wurden, deshalb nicht mehr zugingen und die fremden Säcke daneben standen, kam die Stadtverwaltung nicht. Auch nicht darauf, dass man eine Mülltonne vielleicht nicht Gefäß nennen sollte, weil Gefäß klingt eher schön wie Blumenvase – und wiederum duften, also duften tut eine Mülltonne ja nun wirklich nicht. Stattdessen hatten sich alle Ideen auf die Androhung einer Geldbuße beschränkt.

Kurzerhand rief ich als sparsamer Bürger deshalb die Hausverwaltung an, die das Schreiben in den Flur gehängt hatte. Ich erklärte, ich sei einer aus der Nummer 6 und das ginge alles überhaupt nicht, die Tonnen stünden vor dem Haus, jeder könne da was reinwerfen und überhaupt könne man mit solchen Briefen den ganzen Flur tapezieren, die würden gar nichts bringen, es sei denn, man würde sie ins Russische übersetzen und draußen an die Tonnen kleben.

Nach diesem Schwall wurde ich prompt weiterverbunden zur Hausverwalterin Nr. 1, Frau Doktor Hut. Auch der erklärte ich, die Tonnen stünden vor dem Haus und nicht dahinter, jeder käme ran, ich hätte sogar schon Leute beobachtet, die kurz von der Hauptstraße abbiegen, ihren Müll aus dem Auto holen und hier ablagern würden. In unseren schönen Gefäßen! Ich war so gut drin, in den haltlosen Behauptungen, da konnte ich noch zulegen.

Besonders schlimm sei es nämlich gewesen, als in Nummer 4 gebaut wurde. Da hätten die Bauarbeiter immer ihren Bauschutt bei uns in der Nummer 6 abgeworfen. Aber warum hätten die das dann nicht bei Nummer 5 getan, sondern bei uns in Nummer 6, kam schüchtern als Einwand. Ach, die, die Fünfer, die würden doch da mitmachen und auch ihren ganzen Mist bei uns in der 6 wegwerfen! Das Problem sei eben, dass die Tonnen vor dem Haus stünden und am Ende ganz Erfurt sie benutzen würde. Und sogar Leute von außerhalb – die Autos, die blitzschnell Müll bei uns abgekippt hätten, hätten oft ein AP im Kennzeichen gehabt.

Ich war fertig. Die Hausverwalterin schwieg. Vielleicht hatte sie auch ein AP im Kennzeichen? Dann warf sie vorsichtig ein, dass es aber wirklich schlimm ausgesehen hätte bei uns in der 6. „Wie?“ erkundigte ich mich. „Na auf dem Bild!“ erklärte sie, „Haben Sie denn nicht das Bild dazu gesehen? Das ist schon ein starkes Stück, dass die von der Stadt das jetzt auch noch fotografieren.“

Das Bild war mir gar nicht aufgefallen. Ich guckte noch mal in den Flur – das Telefon war tragbar, also nahm ich es mit - und da hing die Aufnahme, direkt neben dem Brief, aber halb zusammengeklappt. Auf A 4 ausgedruckt, schwarz-weiß. Es stimmte alles: die fremden Säcke, die offenen Deckel. Der Foto-Beweis. Die Stadt hatte aufgerüstet: Erfurts Müllmänner hatten Digitalkameras in der Latzhose!

Und sie fotografierten, was sie fotografieren sollten – Müll, Abfall, Abschaum. Sie machten garantiert nie Freundschaftsbilder von sich, wie vielleicht Lolle mit nur einer Hand sich hinten am LKW festhielt oder Kalle in den abgefahrenen Spiegel eines Falschparkers lachte. Nein, sie machten Ernst. Das war deutlich zu sehen: Das Bild zeigte wirklich nur die unzulässigen Säcke, die Gefäße, die Adresse, Datum und Uhrzeit. Präzise! Die Behörde konnte stolz sein.

Ich stellte mir vor, wie die orangen Männer in Fotokursen mobilisiert wurden, wie da ein ganzer Oranje-Orden in Erfurt herankeimte. Letztlich Müllmänner mit mehr als Foto-Kompetenz, die die Stadt kontrollierten, die fotografierten und entsorgten, wenn Omas auf dem Anger skateten und Skater bei Rot über die Ampel liefen – bis hin zur nächsten V-Mann-Affäre als Thüringer Spezialität. Nicht mehr der Schutzmann hätte das Sagen, sondern der Schmutzmann ...

Es hustete im Telefon, dass ich immer noch in der Hand hielt. „War’s das dann?“ fragte die Hausverwalterin Nr. 1. „Ja, fast“, sagte ich. Dann diskutierten die Hausverwalterin Nr. 1 und ich noch eine Gefäßerweiterung, um das Problem in den Griff zu kriegen: Eine Tonne zusätzlich, und wir alle in der 6 müssten sie bezahlen. Nicht gut, fand ich, solange auch dieser Neuzugang draußen vor dem Haus stünde, da käme ja wieder jeder ran.

Stattdessen schlug ich vor, die Tonnen vor der Tür in eine Art Käfig zu sperren. Die Mieter und die Müllmänner würden Schlüssel erhalten, Fremde nicht – und damit würde unser Müll endlich allein unser Müll sein. Wie für gefangene Taliban würden sich die Käfigtüren dann nur zur Fütterung und zum Abtransport öffnen. Die Hausverwalterin Nr. 1 wollte das dem Eigentümer vorschlagen und legte auf.

Ich träumte schon von unserem neuen, ordentlichen Müllparadies. Hoffentlich würden die Müllmänner dann auch von dieser sauberen Lösung ein schönes Foto machen und es im Amtsblatt veröffentlichen. Unser Bild mit den Tonnen im Käfig wäre sogar etwas für die Wandzeitung der Stadtverwaltung und des Landtags. Da könnten die Beamte und die Abgeordneten sehen, wo das endet, wenn man unkontrolliert Müll macht.


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