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Die Gagstanze
Jeden Monat stanzen Kudernatsch & Co hier etwas Neues
für euch zurecht. Diesmal heißt es:
- The Real Eminem Show -
Guck mal, wer da wohnt
Bei Andi Leuthe ist was eingezogen. Wenn das mal nicht
ein Star war! Ansonsten gilt noch immer: Es rappen nur die Deppen.
Wir haben einen neuen Mieter im Haus. Er steht die ganze Zeit am Fenster,
hält sich die Brust und guckt auf die Straße.
„Guck mal, da steht einer!“ bemerkte Brenda, als wir vor dem
Haus den Einkauf aus dem Auto kramten. Tatsächlich! Es war keine
Oma, die uns observierte. Die würde ja auch nicht stehen, sondern
halb auf einem Kissen im Fenster liegen, möglichst darauf bedacht,
nicht herauszufallen und dennoch viel mitzukriegen.
Da stand ein junger Mann mit kurzem Haar und hielt sich mit beiden Händen
die Brust. In der Wohnung direkt unter uns. Vielleicht war er zu Besuch,
oder die Leute, die da eigentlich wohnten, waren ausgezogen und er war
der neue Mieter.
Er stand am nächsten Tag noch da, am übernächsten und sogar
am Wochenende, ganz früh morgens, als es nun wirklich nichts zu sehen
gab. Ich hatte mir auf Drängen Brendas extra den Wecker gestellt,
um das zu überprüfen!
Da
stand er, die Hände wie immer an der Brust, regungslos am Fenster
und glotzte runter auf die leere Straße. Das heißt, ganz leer
war sie ja nicht – ich lief darauf herum und schaute möglichst
unauffällig hoch.
Was machte er da um diese Zeit? Warum bewegte er sich nicht? Ein junger
Mann muss doch auch mal zucken oder sich wenigstens am Sack kratzen. Nicht
so unser neuer Mieter. Absolut regungslos stand er da und hielt Wache.
Tagein, tagaus. Wir schauten immer nur flüchtig zu ihm auf. Nachher
war der Typ ein Psychopath und tickte aus, wenn wir ihn zu offensichtlich
anglotzten. Also nur mit dem beiläufigen Großstadtblick streifen
– bloß nicht mehr. Dann erst erkannten wir ihn, weil wir abends
durchgeschaltet hatten, wie wir das nannten, wenn nichts kam. Im Fernsehen
und überhaupt.
Bei einem Musiksender lief ein Video, bei dem wir sofort hängen blieben.
Ein Typ rannte wild und böse mit seltsamen Arm- und Handverrenkungen
auf der Bühne herum, zupfte am T-Shirt, rief vor sich hin und brachte
die Leute zum Wippen.
„Das ist doch der vom Fenster unter uns!“ stellte Brenda als
erste fest.
Richtig, er war blond und er fasste sich auch so an die Brust. Kein Wunder,
dass er sich hier in seiner Wohnung scheinbar nie bewegte, wenn er im
Fernsehen alles gab. Es war Eminem.
Nun wollten wir aber doch mal genauer hinsehen, wenn nun schon Eminem
persönlich ausgerechnet unter uns wohnte. Jetzt war es zu dunkel,
aber morgen würden wir ausgiebig zu ihm aufschauen. Brenda überlegte,
sich das Buch von Rob McGibbon zu kaufen – „Eminem –
the real fucking story“ und dann unter uns zu klingeln, um sich
ein real fucking Autogramm zu holen. Ich riet ab. So ein Skandal-Rapper
wollte bestimmt zuhause seine Ruhe haben, um neue Skandale zu erfinden.
Wenn er so gern am Fenster stand und da vermutlich grübelte, sollte
man ihn besser nicht stören. Sicherlich tüftelte er an neuen
Hits oder dachte an 8 Mile.
Wir diskutierten die ganze Nacht und konnten kaum schlafen. Wie er wohl
hierher gekommen war, welche Songs er hier unter uns geschrieben hatte,
wie ihn der Blick auf die Straße inspirierte. Klar hatten wir manchmal
laute Musik von unten gehört und uns darüber geärgert.
Wir wussten ja nicht, dass das Eminem war, der vermutlich arbeitete. Natürlich
würden wir fortan immer Verständnis dafür haben. Unser
Mitbewohner sollte seine Kreativität voll entfalten können.
Kaum war es einigermaßen hell draußen, dass man was sehen
konnte, liefen wir vor das Haus und schauten hinauf. Eminem stand an seinem
Fenster, die Sonne schien voll auf ihn. Um ihn herum war es blau, sehr
blau, seltsam blau. Da erkannten wir unseren Irrtum – Eminem war
ein Handtuch. Der Rapper auf blauem Untergrund. Ein dämliches, lebensgroßes
Handtuch, dass sich der picklige Sohn der Nachbarn ins Fenster gehängt
hatte. Wir waren riesig enttäuscht.
Was macht ein sogenannter Skandal-Rapper im Maßstab 1:1 auf Frottee?
Wo ist da der Skandal? Soll sich das Jungvolk mit ihm die Füße
abwischen? Den Hintern oder noch schlimmer? Vonwegen „real fucking“
Handtuch! Ziehen die jungen Männer dann auch Eminems Gesicht mit
durch?
Brenda und ich wollten uns das nicht weiter ausmalen. Wir redeten nicht
weiter darüber. Auf jeden Fall hatte der Nachbarsjunge noch Anstand
bewiesen, indem er den platten Frottee-Eminem ins Fenster hängte
und ihn nicht benutzte.
Im Fenster macht sich Eminem nützlich, er ersetzt die Jalousie, schützt
vor der Sonne und stellt einmal mehr alles in den Schatten. Genau das,
was er will.
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